Oder: Nutzt die Pisa-Erkenntnisse

(Aber nicht das Ranking. Das ist nur für die öffentliche Wahrnehmung)

Eine Gebrauchsanweisung

Pisa: Collaborative Problem Solving

Der Streber „Schon wieder eine Pisa-Studie, das ne-ervt! Hört auf mit dem dauernden Messen und Wiegen der SchülerInnen!“ Wer würde jemandem diese Reaktion übelnehmen wollen? Zum gefühlt 1000. Mal hält uns der Schulstreber aus Paris, Andreas Schleicher, die Leistungen der 15-jährigen aus der halben Welt vor die Nase. Und wir sollen springen. 

Die Ergebnisse Schon falsch! Was Schleichers OECD-Leute zutage gefördert haben, ist interessant, sogar sehr interessant. Die Bildungsforscher haben diesmal nämlich untersucht, wie gut das Teamwork von Schülern ist: also wie gut arbeiten Schülerinnen und Schüler zusammen, um Probleme zu lösen, untereinander Arbeiten zu verteilen und so weiter. Dieser Ansatz widerlegt das Vorurteil, Pisa würde immer nur schiere Leistung messen – aber keine sozialen, also weichen Faktoren. Diesmal ist es eben ganz anders. Schleicher hat die Kompetenz-Messungen aus dem 3-jährigen internationalen Pisarhythmus kombiniert mit Befragungen der SchülerInnen – und kann nun Aussagen darüber treffen, welche Eigenschaften Schüler haben, die besonders gut darin sind, kollaborativ Problemlösungen anzugehen.

Einen Teil dieses Textes können Sie sich hier anhören, beim Kulturradio des RBB

Mädchen sind toll Bei „Pisa-Kooperation“ – so nenne ich es mal verkürzt – kam heraus, dass Mädchen die Zukunft gehört. Denn Schülerinnen können sehr gut zusammen arbeiten, um Aufgaben zu lösen und Projekte gemeinsam zu gestalten. Das gilt praktisch weltweit. Quer über 57 Nationen haben die Korrelationen ergeben, dass Mädchen signifikant besser in kollektiver Problemlösung sind. In einer postheroischen Welt, in der nicht mehr Dirigenten, sondern Teams den Ton angeben, ist das eine gute Nachricht.

Mädchen sind sogar super Dieses Ergebnis kann man noch vertiefen: die Fähigkeit zur guten Kooperation hängt nämlich nicht etwa indirekt an den viel besseren Leseergebnissen der Mädchen, sondern ist ein Wert an sich: Kooperationsfähigkeit ist eine besondere Gabe der Schülerinnen in Deutschland. Die deutschen Mädchen zum Beispiel würden auf Platz 7 in der Welt stehen; ihr Vorsprung auf die Jungen wird in der Gruppe der besonders guten Schüler im Weltvergleich sogar größer.

After accounting for performance in the three core PISA subjects, girls still outperform boys in collaborative problem solving by 25 score points, on average across OECD countries, and this performance gap is significant and in favour of girls in every country and economy that participated in the assessment. The difference is largest in Australia, Austria, Canada, Germany, Italy and New Zealand, where girls outperform boys by over 30 score points after accounting for performance in the three core domains. (Pisa Collaborative Problem Solving, Page 96)

Gamer sind schlecht Eines der größten Märchen der neueren technisch-pädagogischen Geschichte lässt sich mit Pisa-Kooperation widerlegen. Die Gaming-Lobbies – das sind milliardenschwere Industrien – und ihre vielen unbezahlten, aber enthusiastischen freien Mitarbeiter (zu finden auf Twitter unter dem Hashtag #Killerspiele; aber Vorsicht, gewöhnungsbedürftige Community) haben stets verbreitet, das Spielen von Online-Games erzeuge eine bessere Fähigkeit von Teamwork. Das stimmt nicht: Schüler, die viel online spielen, sind um ein ganzes Lernjahr schlechter, wenn es darum geht, gemeinsam an Problemlösungen zu arbeiten. Konkret handelt es sich um 31 Punkte Differenz.

Gamer kooperieren deutlich schlechter – in allen Testländern

Dieses Ergebnis ist robust, es gilt weltweit für 15jährige Schüler in 57 Staaten. Die Gamer sind bei der Unterkategorie „Teamwork“ nur um (statistisch nicht signifikante 0,04 Punkte) besser als andere Schüler. In der Beziehungsarbeit sind sie schlechter, auch dies ist freilich statistisch nicht relevant.

Schule kann kein Teamwork Das vielleicht erstaunlichste Ergebnis lautet: Die Schule an sich kann überhaupt nichts dafür, dass die Schüler so gut im kooperativen Problemlösen sind. Denn diese Fähigkeit erwerben die Jugendlichen offenbar woanders. Der ehemalige Verfassungsrichter Böckenförde würde sagen: Schule lebt von Voraussetzungen, die sie selbst nicht schaffen kann. Das Gesamtergebnis heißt also: Schlaue Mädchen, schlechte Schulen. Aber wo werden diese Eigenschaften nun erzeugt?

In der Familie Die Pisaforscher haben nachgesehen, ob es einen Zusammenhang zwischen der Kooperationsneigung und der Tatsache gibt, dass Schüler viel mit Freunden unternehmen oder zuhause Angehörige pflegen. Das Ergebnis heißt: ja.

Im Internet Auf die selbe Art haben die Forscher einen Zusammenhang zwischen einem hohen Engagement in den sozialen Medien und der Kooperationskompetenz überprüft. Auch den gibt es, und er ist positiv.

On average across OECD countries, a negative association is observed between performance in collaborative problem solving and playing video games. Students who play video games score 32 points lower, on average, than students who do not play video games. (…) By contrast, accessing the Internet, chat, or social networks outside of school is associated with higher performance in collaborative problem solving. On average across OECD countries, students who access such online communication media score seven points above students who did not in the collaborative problem-solving assessment. (…) students who met friends or talked to friends on the phone outside of school are located… much higher on the index of valuing teamwork (by 0.29 unit after accounting for gender and socio-economic status) than students who did not do so… (Pisa Collaborative Problem Solving, Page 126f)

Neu oder nicht neu? Diese Ergebnisse (jedenfalls das mit den Mädchen) sind natürlich nicht neu. JedeR LehrerIn weiß das. René Scheppler hat zurecht darauf verwiesen, dass das sogar schon in der Lehrerausbildung verankert ist.

Richtig. Aber: es macht natürlich einen Unterschied, ob dieses Wissen empirisch abgesichert ist. Und in meinen Augen ist es auch wichtig, dass die Öffentlichkeit so etwas weiß. Ist es nicht eine gute Nachricht, dass Mädchen so viel besser kooperieren? Und ist es nicht auch eine wichtige Frage, wie man das Kooperieren vielleicht bei Jungs auch verbessern könnte? Und macht es nicht Spaß, der Gamesindustrie eines ihrer wichtigsten PR-Argumente aus der Hand schlagen zu können? Und und und. Ich finde, dass diese Pisastudie ein Füllhorn von Informationen bereit hält.

Wirre Politik Wo Scheppler absolut Recht hat, ist hier: Die Politik geht mit den Ergebnissen auf ebenso wirre wie willkürliche Art um. Die meisten Kultusminister benutzen die Resultate nur, um ihr Halbwissen mittels punktueller Infos zu bekräftigen. Alles aber, was nicht ins eigene Bild passt, wird ignoriert oder gar abgelehnt; alles, was sich irgendwie verwursten lässt, wird fix eingebaut – auch wenn´s gar nicht passt. So nutzte etwa die Präsidentin der KMK, Frau Eisenmann aus Baden-Württemberg, die Resultate, um die Schulen zu loben. Dabei ist das Käse. Denn Schulen können ja gar kein Teamwork. Stattdessen suggerierte Eisenmann im TV, einmal Gruppenarbeit pro Woche schaffe die Fähigkeit zur Kooperation. Das ist grotesk. Und typisch. Für Schulminister. (Siehe Frau Eisenmann im Video hier ab Minute 12:58) 

http://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-349079~player_branded-true.html

Wirrerer Edchatde Man muss sich aber nicht wundern. Auch (manche, nicht alle!) Lehrer können mit diesen Ergebnissen nichts anfangen. Oder sie ignorieren die Studie einfach. Quasi gleichzeitig zu den bahnbrechenden News, dass Gaming für die Kooperationsfähigkeit negative Auswirkungen hat und sich auch auf die Beziehungsfähigkeit ungut auswirkt, befasste sich der Edchatde mit „Spielen“ in der Schule. Dazu muss man wissen, dass der Edchatde das modernste Format des Diskurses unter Pädagogen ist. Was aber geschah?

Die Educhatter kannten die Studie nicht. Manche zweifelten sogar die Ergebnisse an. Man muss also nicht zu Pegida-Demos zu gehen, um Forschungsfeinde zu finden – die gibt´s sogar im EdChatDe

Die Educhatter behandelten die Studie nicht (obwohl sie durch die Presse ging und jeder sie nachlesen konnte). Manche zweifelten sogar ihre Ergebnisse an. „Das kann ich mir gerade irgendwie nicht vorstellen“, twitterte einer zu dem empirisch validen Gaming-Befund.

Ein anderer meinte, eine Studie könne nicht widerlegen, dass Gamer gut kooperieren können.

Was bedeutet das? Lehrer, und zwar auch die ganz modernen sind wissenschaftsfeindlich. Sie können weder eine Studie einschätzen noch wissen sie offenbar, wie empirische Sozialforschung funktioniert. Man muss also nicht auf Marktplätze zu Pegida-Demos zu gehen, um Leute zu finden, die mit Forschung nix anfangen können: das gibt’s auch in Lehrerzimmern – sogar in virtuellen wie dem EdChatDe.

Und was bedeutet die Pisa-Studie jetzt für Realität und Alltag? Nun ja, sie wird wahrscheinlich in irgendeinem Regal landen. Kaum jemand liest sie, siehe Lehrer. Aber die Ergebnisse haben ihre Effekte, da bin ich sicher. Man wird jungen Frauen mit mehr Wertschätzung für ihr Können begegnen. Denn sie besitzen offenbar eine Eigenschaft, die im 21. Jahrhundert gefragt, nein essenziell ist. Das wird sich auswirken, an Recruitern geht das sicher nicht spurlos vorüber. Und man wird sich als Politik zwei Fragen stellen müssen: Wie können wir dem Problem begegnen, dass Schule in einigen Feldern irrelevant ist? Und wie können wir der Tatsache ins Auge blicken, dass Schüler schon durch unsortiertes Onlinegehen und Chatten Kooperationsfähigkeit erwerben? Vielleicht sollte man aus diesem zufälligen, einen bewussten Prozess machen – und Jugendliche auch in den Schulen virtuell kooperieren lassen. Kurz: wie können wir Schulen verantwortlich digitalisieren.

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