Eine Kondolenz zum 15. Geburtstag von Innocence in Danger. Mit der Bitte um Fortführung

Innocence in Danger zum Geburtstag zu gratulieren kommt einem irgendwie falsch vor. Eigentlich muss man diesem kleinen Verein, der so viel erreicht hat, kondolieren. Man muss ihn bemitleiden, trösten und in den Arm nehmen für die vielen Schmähungen und, ja, Verfolgungen, denen er ausgesetzt war – und zwar genau deswegen, weil Innocence so viele Erfolge hatte. Erfolge im Kampf gegen so genannte Kinderpornografie, das Darknet und die neuen, irgendwie selbstverständlichen Cybergroomings unserer Zeit. Dieser Kampf ist zugleich immer einer gegen die Naivlinge des Netzes, die digital naives, gegen die Schwärmer und Schönredner einer Technologie namens Internet, die wir alle täglich, nein sekündlich benutzen, die wir in all ihren Effekten aber noch kaum verstanden haben. Innocence in Danger und namentlich Julia von Weiler hat das Netz früher und besser verstanden als viele andere. Dafür gab´s Prügel, und zwar von Anfang an.

Innocence in Danger und Julia von Weiler haben das Netz samt seiner Risiken und Nebenwirkungen früher verstanden als viele andere.

Heute wird ein eindrucksvoller Festakt mit 600 Gästen gefeiert, mit vielen Akteuren, Mitstreitern und auch Prominenten, die öffentlich für die sexuelle Integrität des Kindes einstehen. Es ist schön und gerecht, die Arbeit von Innocence zu loben. Was gewürdigt werden muss ist, dass es diesen 3,5-Stellen-Verein überhaupt noch gibt. Für Innocence gilt die alte PR-Sentenz für den Melissengeist der Klosterfrau: Nie wart ihr so wertvoll wie heute. Es war ein harter Kampf, ein langer Lauf, ein zähes Mithalten mit den rasanten Entwicklungen des Netzes und seiner immer neuen, aus dem Boden schießenden Plattformen, Chaträume, Games, denen allen eines gemeinsam ist: sie fußen auf dem grundlegendsten aller Bedürfnisse des Menschen, der Suche nach Kontakt. Sie beuten dabei – wie es dieser Tage, Sean Parker, einer der Gründer von Facebook so schön formulierte – eine psychologische Schwäche des Menschen aus: sie belohnen die Kontaktreize, und seien sie noch so winzig, mit einem Like, einem Retweet, einem Fav, genauer mit einem Dopamin-Ausstoß. Das kurbelt das Wohlgefühl des Users an – und das Geschäft der Plattform.

„The thought process that went into building these applications, Facebook being the first of them, … was all about: ‚How do we consume as much of your time and conscious attention as possible? […] And that means that we need to sort of give you a little dopamine hit every once in a while… And that’s going to get you to contribute more content, and that’s going to get you … more likes and comments. […] It’s a social-validation feedback loop … exactly the kind of thing that a hacker like myself would come up with, because you’re exploiting a vulnerability in human psychology.“ Sean Parker

Schrei nach Nähe

Der Schrei nach Austausch, Nähe, ja Liebe wird im Netz geradezu perfekt bedient – durch kleine, süchtig machende Belohnungen. Julia von Weiler hat das sehr früh erkannt, als sie die Existenz des Menschen im Netz mit dem Terminus „digitaler Exhibitionismus“ beschrieb. Das passt ganz gut auf die sozialen Tatbestände, mit denen Innocence zu tun hat, andere und sich selbst ausziehen und missbrauchen. Aber es beschreibt zugleich ganz allgemein die wichtigste Eigenschaft, die man besitzen muss, um im WWW wahrnehmbar zu sein: Man muss sich präsentieren, man muss sich wahrnehmbar machen, man muss – veraltet gesprochen – ehr- oder gefallsüchtig sein. Nur, wer sich ausstellt und exhibitioniert, wird gesehen. Darüber könnte man ein bisschen nachdenken, denn diese Gefallsucht bedeutet eine fundamentale Veränderung unseres christlichen Menschenbildes, es wird unsere Kommunikation und unsere Kindheit komplett umkrempeln. Zunächst aber gilt für Innocence und seine Arbeit: Der Verein hat diesen Paradigmenwechsel als einer der ersten in der Gesellschaft verstanden – und dafür sukzessive immer neue Formate der Aufklärung und Hilfe geschaffen.

Man könnte Innocence also ganz einfach loben für die Vielzahl an Formaten und Feldern, mit und auf denen er vor allem jungen Menschen im Umgang mit dem Netz hilft. Innocence erklärt Schülern in Theaterstücken (wie Aletheia) oder Rollenspielen (wie Offline oder Smart User) die Funktionsweisen des Netzes – und zeigt ihnen die spezifischen Angriffspunkte, die Täter (und auch Täterinnen) dort haben. Dabei geht es stets darum, mit den Kindern und Jugendlichen zusammen das Netz nicht als fremden bösen Raum zu begreifen, sondern zu zeigen, wo in dieser neuen Sphäre Chancen und wo Risiken stecken – und zwar gerade, weil dort eine Offenheit und eine Möglichkeit zur Vernetzung besteht, die es im Analogen in dieser Dichte und Reichweite gar nicht gibt.

Innocence unterhält sehr konkrete Hilfeangebote für Betroffene, die sexualisierte Gewalt erlebt haben. Die Kunstwoche ist ein Format, in dem die Überlebenden in ein sicheres, betreutes Umfeld gestellt werden, um sich dann umso freier in künstlerischen Projekten ausdrücken und finden zu können.

Das Spektrum der Betroffenen reicht dabei von kleinen Kindern über Jugendliche bis hin zu jungen Erwachsenen mit sehr kleinen Kindern. Allein dieses kleine Universum an Hilfepraxis und -erfahrungen, das sich dabei herausgebildet hat, ist ein großartiger Schatz, den Innocence hütet.

Ein Format, das von Anfang an im Angebot von Innocence enthalten war, aber in jüngster Zeit immer wichtiger wird, sind die Aufklärungsseminare für Lehrer, Erzieher und Fachkräfte aus Jugendhilfe- und Notfalleinrichtungen. Darin steckt zugleich ein Hinweis auf die fast explosive Vermehrung von Kontaktmöglichkeiten, die das Netz bietet. Das sind keineswegs immer riskante Austauschpunkte, aber jeder muss sich im klaren sein: allein die schiere Zahl von Kommunikationsgelegenheiten, an denen sich Unbekannte im Virtuellen kennenlernen, erhöht die Zahl an potenziell riskanten Kommunikationen. Für Jugendliche. Für Kinder. Für ziemlich kleine Kinder, die von der Industrie und von der Regierung etwa in Person der Verkehrsstaatssekretärin Doro Baer vor die kleinen tragbaren Bildschirme gelockt werden. Für Innocence bedeutet dieser Druck aus dem staatlich-industriellen Gamekomplex ziemlich viel Arbeit.

Beziehungstat, potenziert

Um die Risikoausbreitung zu verstehen, ist es hilfreich, sich noch einmal die Grundkonstellation sexualisierter Gewalt vor Augen zu halten: Missbrauch ist eine Beziehungstat, in der ein Täter den Kontakt zu einer – grob gesprochen – weniger mächtigen Person missbraucht, um das Verhältnis sexualisieren und die oder den Betroffenen sexuell auszubeuten. Am Anfang also steht die Beziehung. Das ist das neue an der sexualisierten Gewalt über das Netz, die Zahl der Beziehungen steigt in exponentieller Rate. Bevor es das Netz gab, galt die Faustregel, der Täter muss sich mit den Bezugspersonen des Opfers befreunden, um Kontakt zum Kind aufzunehmen und es zu manipulieren. Das Netz und seine Vielzahl an Begegnungsformaten potenziert die Missbrauchsmöglichkeiten bis nahe ans Unendliche. Aber man muss nun kein Umfeld mehr manipulieren. Man hat direkten, ungestörten Zugang zum Kind. Die grundlegenden technischen wie psychologischen Funktionsweisen der sozialen Medien kommen den Manipulierern zupaß. Die Rolle von IID war es immer, diesen algorithmisch-psychischen Mechanismus am Spezialfall des Cybergroomings verständlich zu machen. Das war am Anfang der beschriebene harte Kampf. Inzwischen dräut es vielen, dass die sich täglich vervielfachenden Begegnungsformate so etwas wie eine Kulturrevolution in den Umgangsformen nach sich ziehen. Das bedeutet, dass es, wenn man so will, auch neuer Benimmregeln bedarf. Innocence ist auf diesem Gebiet nicht nur in einem erklärenden und narrativen Sinne unterwegs, sondern ganz konkret mit Forschungsprojekten, an denen es sich beteiligt.

Innocence ist freilich kein verbeamteter oder kompromisslerischer Verein. Die Kampagnen und Medienformate von IID waren immer so engagiert und provokativ, wie es sein muss, um zu zeigen, dass der Irrsinn im Netz nur einen Klick entfernt ist – auch für Kinder. Dies ist nötig, um in der Aggressivität der Netzgemeinde nicht unterzugehen und eine träge Öffentlichkeit wach zu rütteln. Legendär ist das Format „Tatort Internet“, das heute eine weithin anerkannte Fahndungsmethode nach Pädokriminellen ist, die in Chats auf der Suche nach Kindern sind.

Gerade wurde bekannt gegeben, dass die Sonderstaatsanwaltschaft für Internetkriminalität personell aufgestockt wird. Die ZIT macht das, was Innocence bereits 2007 machte: junge Beamtinnen chatten – und werden dabei auf Groomer aufmerksam, die getarnt als Minderjährige oder Anonyme online Kinder anquatschen, um sie dann in der Realität zu treffen, sprich zu missbrauchen. Inzwischen wurde sogar das einschlägige Strafgesetz so geändert, dass schon der Versuch der sexuellen Überwältigung Minderjähriger strafbar ist. Was heute kein Thema und schon gar kein Aufreger mehr ist, das war zu Zeiten von „Tatort Internet“ ein gigantischer Skandal. Innocence in Danger wurde öffentlich an den Pranger gestellt. Im Internet sowieso, wo ein Shitstorm sondergleichen über den Mini-Verein herein brach. Aber auch in den feinen Feuilletons wie dem der Süddeutschen Zeitung wurde gegen Innocence gehetzt und polemisiert. Man warf IID ernsthaft vor, den Rechtsstaat zu brechen. Der Verein habe unschuldige Männer mit der Lolitamethode in die Sexfalle gelockt – das war der Tenor einer Berichterstattung, die Täter konsequent zu Opfern erklärte. Heute unvorstellbar.

Innocence war und ist einer der mutigen Taktgeber einer Entwicklung, die zu einem Netz führen wird, das mehr Sicherheit für diejenigen bringt, die den Tarnungen und Täuschungen im Netz nicht automatisch gewachsen sind.

Man kann schwer beschreiben, wie grundlegend und umfassend der Paradigmenwechsel ist, der sich seitdem Bahn bricht. Aber eines ist sicher: Innocence war und ist einer der mutigen Taktgeber einer Entwicklung, die zu einem anderen, aufmerksameren Verständnis des Netzes führen wird – und letztlich zu mehr Sicherheit für diejenigen, die den Tarnungen und Täuschungen im Netz nicht automatisch gewachsen sind. Bemerkenswert ist, dass sich dabei unmerklich das Aktionsfeld erweitert und verschoben, wenn man genau ist: verdoppelt hat. Am Anfang ging es darum, die Herstellung und den Handel von Missbrauchsabbildungen – was im öffentlichen Sprachgebrauch immer noch verharmlosend „Kinderpornografie“ genannt wird – zu verstehen, zu skandalisieren und den Opfern zu helfen.

Smartphone und Sexualisierung

Aber schon vier Jahre nach der Gründung von Innocence geschah etwas, was die Arbeit der Kinderschutzorganisation grundlegend verändern sollte – das iPhone kam auf den Markt. Damals war das die Revolution der Telefonie. Heute bedeutet es, dass acht von zehn Jugendlichen das Internet permanent mit sich in der Hosentasche herumtragen, mit allen Segnungen sowie Risiken und Nebenwirkungen. 

„94 Prozent der Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren in Deutschland tauschen sich regelmäßig über WhatsApp aus.“ Jüngste Jim-Studie 2017

Das Smartphone als Netzzugangsgerät mit Flatrate und immer neuen Portalen und virtuellen Begegnungsstätten sorgt längst für den Hauptjob von Innocence. Natürlich gibt es immer noch den klassischen Pädokriminellen und seine Hunderttausenden Mitläufer, die versuchen über das Netz sexualisierte Kontakte zu Kindern aufzunehmen. Aber mehr und mehr gerät die exhibitionistische, pornografische und sexualisierte Alltagskommunikation unter Jugendlichen in den Blick. Die Strafgesetze für sexuellen online-Missbrauch sind – zurecht – verschärft worden. Aber reicht das Strafgesetz aus, wollen wir es gegen 15- und 16jährige anwenden, die wie natürlich sexy Selfies versenden oder Nacktbilder von Kindern abfordern und verteilen?

Es geht heute, 2017, um Aufklärung in einem viel umfassenderen Sinne als 2002, als Innocence gegründet wurde. „Missbrauch“ lautete die Spezialdiszplin von IID damals. Heute heißt das ziemlich generelle Arbeitsgebiet des Vereins aus der Holtzendorffstraße „Kommunikation und Verhalten Jugendlicher im Internet“. Dazu gehört dann zum Beispiel der Notruf einer Schule, eine durch Enthauptungsvideos traumatisierte Klasse zu betreuen. Dazu zählt, mit Schülern und Lehrern darüber zu sprechen, welche generellen Sicherheitseinstellungen und Verhaltensregeln bei der Aufhebung des Handyverbots an den Schulen zu beachten sind. Und dazu muss man auch rechnen, wenn Eltern Fotos, darunter auch Nacktaufnahmen ihrer Kinder ins Netz stellen – ohne zu ahnen, was sich daraus entwickeln kann. Mit 15 ist Innocence, gerade in der Pubertät, exakt im richtigen Alter für diese Aufklärung der Eltern.

Nie war Innocence in Danger so wertvoll wie heute. Wenn es Julia und ihre MitstreiterInnen nicht gäbe, müsste man sie erfinden – spätestens für die regierungsamtlich betriebene und vollkommen blinde Digitalisierung von Schule. 2017 soll das Startjahr für die staatlich geförderte Digitalisierung der Jugend werden. Innocence muss also, genau wie Apple, Google, Facebook usw. gigantische Wertsteigerungen erfahren haben, noch größer, gründlicher und wertvoller werden.

Der Autor ist mit Julia von Weiler gut, um nicht zu sagen, sehr gut bekannt.
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