Ada Pellert, Rektorin der FernUniversität Hagen und Beraterin der Bundesregierung, fordert den Big Bang für die Lehrerfortbildung. Es braucht einen Schnellkurs in digitaler Bildung für 800.000 Lehrer*innen 

Interview erschien am 9. Juno gekürzt im Feuilleton der FAZ

Frage: Frau Pellert, wollen Sie die Schule abschaffen?
Ada Pellert: Nein, wie kommen Sie darauf?

Sie fragen, ob nach der Wiedereröffnung der Schulen eine „Rückkehr zum normalen Unterricht überhaupt wünschenswert ist“.
Ja, denn die Reaktion auf Corona darf nicht nur in besserer Hygiene an den Schulen bestehen. Seifenspender sind gut, aber gutes Lernen ist wichtiger. Wir haben in den vergangenen Wochen eine neue Praxis von Lernen kennen gelernt. Es wäre jammerschade, wenn wir das einfach wieder vergäßen.

Die meisten Eltern sind genervt von Massen an Arbeitsblättern oder von PDF-Fluten. Und Sie sprechen von Aufbruch?
Es gab und gibt die unguten Situationen, die sie beschreiben. Dafür existiert meines Erachtens auch keine simple Lösung. Wir sind eben mitten in einer Phase des kulturellen Umbruchs. Eltern tun trotzdem gut daran, darauf zu pochen, dass dieses Lernen auf Vorrat aufhört und sich, bitte, nicht wiederholt. Die Kultusminister haben sich viel zu lange davor gedrückt, zu fragen, was Homeschooling mit Familien machen kann.

Und trotzdem betonen Sie das Positive.
Unbedingt! Denn gleichzeitig erleben wir seit Mitte März einen Boom von kreativen Lehr- und Lernformaten. Überall in der Bildungsrepublik finden sich Beispiele von Lernen, die in meinen Augen ein Vorgeschmack auf die Zukunft sind. Wir stecken mitten in einer Kulturrevolution des Lernens. 

Ich sehe eher Reaktion: zurück zum Frontallernen.
Wir alle haben doch beim Fernlernen etwas gemerkt: Inhaltsvermittlung im Sinne einer simplen 1:1-Übertragung des analogen Klassenzimmers auf das digitale Fernlernen geht einfach nicht. Das endet in Stoffhuberei und überfordert Schüler, Lehrer – und Eltern.

Das Coronavirus hat den Nürnberger Trichter kaputt gemacht.

Das erleben sehr viele. Warum ist das so?
Eintrichtern funktioniert halt nicht. Das gilt für beide Fälle, die wir erleben: Es geht sowohl nicht, wenn man es als Abhaken von Arbeitsblättern praktiziert; als auch, wenn Lehrkräfte sechs Mal 45 Minuten Videoteaching am Stück versuchen. Das Coronavirus hat den Nürnberger Trichter kaputt gemacht. Wir wussten zwar eh, dass der nicht funktioniert. Aber es hat eine Pandemie gebraucht, um uns endgültig zu zeigen, dass Stoffvermittlung alter Schule ausgedient hat. 

Die Unzufriedenheit mit Schule war zuletzt beim Pisaschock vor knapp 20 Jahren so groß.
Ja, aber diesmal erkennen wir, dass im Kern des Lernprozesses etwas schief läuft. Lehrer fühlen sich zu sehr als Vermittler von Inhalten. Bildung ist aber viel mehr. Die guten Beispiele seit der Schließung der Schulen führen uns geradezu ideale Arrangements vor. Das ist im Grunde eine geniale Situation, um weiter zu kommen. Wir können die Lehrkraft durch digitale Werkzeuge für das freispielen, was lernpsychologisch fundamental ist: eine Beziehung herzustellen. Das kann nur eine Person.

Und es klappt auf Distanz mitunter sogar besser. In Brandenburg hat eine Schulleiterin Nathan der Weise im Chat gelesen. Sie berichtet, dass sich mehr Schüler mit dem Klassiker befasst haben – und tiefer. Können Sie dieses Paradox erklären?
Die Lehrerin hat die Ringparabel in die Lebenswelt der Schüler gebracht. So funktioniert gutes Lernen – auch wenn es auf den ersten Blick absurd scheint, sich über Lessing per Emojis auszutauschen. Aber darin können wir ein Geheimnis entdecken: Es kann über digitale Medien besser gelingen, Schüler emotional zu beteiligen. Wenn wir nur ein Promille der Energie, die Jugendliche auf Facebook und Instagram verwenden, für das Lernen mobilisieren könnten – das wär‘s! Besser geht’s nicht!

Das möchte ich, bitte, genauer verstehen.
Lernen bedeutet, dass irgendein Teil des Lerngegenstandes an die Vorerfahrungen der Schüler anschlussfähig ist. Sie brauchen also, erstens, einen Andockpunkt, dann können sie das Neue besser verknüpfen. Zweitens sollten die Lernenden emotional betroffen sein. Und drittens ist es gut, auf verschiedenen sinnlichen Ebenen angesprochen zu werden.

Mit digitalen Medien geht das einfacher?
Die sozialen Medien mit ihren Tools und Werkzeugen sind nunmal die Umgebung der Jugendlichen. In dieser Kultur sind sie zuhause. So kommunizieren sie, so schreiben sie. Das heißt für Ihr Beispiel: Im Chat bringe ich Nathan den Weisen leichter in die Welt der Schüler, als wenn ich sie im Klassenzimmer um 11:15 Uhr bitte, die Ringparabel zu erklären. 

Die Lehrerin berichtet, dass im Chat ein Schneeballeffekt eingetreten sei. Selbst Emojis und Kommentare, die nicht inhaltlich waren, hätten Mitschüler angespornt.
Das kann ich mir gut vorstellen: Wie soll ich einer Mitschülerin denn im Klassenzimmer ein Smiley zielgenau zuwerfen? Im Chat geht das. Oder anders gesagt: Wir haben in unseren Klassenzimmern jene Gruppendynamik unterbunden, die dazu dienen kann, einen abstrakten Stoff wie den Nathan in das Leben von Jugendlichen zu holen. 

Was meinen Sie, was die Lehrerin mit den im Chat angefixten Schülern im klassischen Unterrichtsgespräch erreichen könnte.

Besteht nicht die Gefahr, dass es trivial wird?
Im Gegenteil. Ich sehe die Chance zu einem Qualitätssprung. Stellen Sie sich das Nathan-Beispiel mal im Wechsel zwischen Fernlernen und Präsenzunterricht vor. Was meinen Sie, was die Lehrerin mit den im Chat angefixten Schülern im klassischen Unterrichtsgespräch erreichen könnte. Die sind nun ganz anders vorbereitet. Der Mix aus digitalen und analogen Methoden macht das Lernen besser.

Gibt es dafür noch andere Beispiele als den Chat?
Viele. Digitale Medien öffnen ganz verschiedene Kanäle. Die Schüler erstellen zum Beispiel in einer Challenge, wie die das heute nennen, ein multimediales Produkt – etwa einen bearbeiteten Clip; oder sie werden durch die Story eines Computerspiels an einen Stoff herangeführt; oder sie sammeln ihre Ideen in einem Padlet – das ist eine digitale Pinnwand. Und danach erörtern sie das so aufgearbeitete Thema im persönlichen Gespräch mit der Lehrkraft.

Wird das denn schon praktiziert? Oder ist das eines jener idealisierten deutschen Bildungskonzepte, die nur im Kopf hinhauen?
Es funktioniert schon. Am besten sieht man das vielleicht im sogenannten flipped classroom, der schon eine Zeitlang das Modell für hybriden Unterricht ist: Schüler schauen zuhause ein für sie vom Lehrer aufgenommenes Input-Video – und sprechen dann mit ihrer Lehrkraft in der Schulstunde darüber. Die läuft übrigens ganz anders ab als bisher: Sie ist individueller als eine normale Schulstunde.

Wie das?
Weil der Lehrer nicht mehr von vorne Wissen vermittelt, sondern individuell auf Fragen und Probleme der Schüler eingeht. Aus den Berichten von Lehrern aus der Coronakrise wissen wir: Sie sehen in digitalen Kanälen oder Produkten oft viel genauer, was ihre Schüler drauf haben, als wenn der einzelne Lerner in einer Klasse mit 25 bis 30 Schülern verschwimmt. In einem Einzel-Videogespräch kann sich ein Lehrer zum Beispiel viel mehr Zeit für einen Schüler nehmen, als wenn er auf dem Schulflur schnell ein paar Hinweise gibt. 

Klagen Lehrer deswegen, dass Videoteaching so viel aufwändiger ist?
Viele Unbeteiligte und auch Eltern können sich das nicht vorstellen, aber es ist so: Gut gemachter digitaler Fernunterricht birgt die Gefahr der Überforderung. Wir beobachten gerade in der Gruppe der engagierten Digitallehrer, dass ihnen die Grenzenlosigkeit den Atem raubt. Diese Pädagogen stehen von 8 Uhr morgens oft bis in den Abend hinein zur Verfügung. Das schlaucht.

Wie halte ich als Lehrer im Videogespräch die nötige Distanz?

Was könnte man dagegen tun?
Ich finde zweierlei wichtig: Wir Bürger sollten, erstens, den Lehrern mehr Respekt zollen. Das, was wir fälschlicherweise Homeschooling nennen, macht Lehrern wahnsinnig viel Arbeit; und wir müssen, zweitens, für diese neue Welt Spielregeln entwickeln. Das sollten wir gemeinsam tun: Wie halte ich als Lehrer im Videogespräch die nötige Distanz? Welche von den anderen Aufgaben müssen weniger werden oder ganz wegfallen? Kriegen wir das nicht hin, werden unsere Lehrer überrollt. 

Forsa-Befragung im Auftrag des VBE (Link)

Lehrer berichten, dass das Nebeneinander von Fern- und Präsenzunterricht ihnen die Zeit wegfrisst.
Die Situation enthält meiner Meinung nach mehr Chancen als Risiken. Aber es ist qualitativ wie quantitativ eine große Herausforderung. Im Moment robben sich die Lehrer ganz allein durch ein Schulsystem, das digitale Möglichkeiten häufig noch nicht bietet. Das wird dazu führen, dass sich viele erschöpfen und nur ein paar übrigbleiben, die als Pioniere gegen die alten Strukturen und eine Schulkultur ankämpfen, die Lehrer als Allwissende sieht.  

Es gibt bereits einen Aufruf von einigen Studiendirektoren, die ein Lob auf den Frontalunterricht singen…
… weil der so prima in die herrschenden Hygiene- und Abstandsregeln passt. Diese Schulleiter wollen gern, dass die Schüler zurück ins Klassenzimmer kommen und stillsitzen. Das wäre pädagogischer Wilhelminismus. Wir leben aber, Corona hin oder her, im 21. Jahrhundert. 

Die Bildungsrepublik muss den Lehrern da draußen eine begleitende Weiterbildung anbieten. Und zwar sofort.

Sie sind die Regierungsberaterin. Was empfehlen Sie?
Die Bildungsrepublik muss den Lehrern da draußen eine begleitende Weiterbildung anbieten. Und zwar sofort. Wir haben an der FernUniversität in Hagen in den letzten Wochen gemerkt, wie riesig die Nachfrage der Lehrer nach schnellen Einführungen ins Digitale ist. Andere Plattformen berichten das gleiche. Nur sprechen wir von fast 800.000 Lehrern in Deutschland, die eine Fortbildung brauchen. Das heißt, ich mag jetzt, bittschön, nicht hören, dass das klein gefahren wird. Wir brauchen da etwas Großes. Und das ist auch eine nationalstaatliche Aufgabe. Die Länder müssen anpacken. Aber der Bund darf sich nicht wieder so vorkommen, als wenn er auf eine heiße Herdplatte fasst, wenn er Lehrern helfen will. 

Die Bildungsministerin hat den Digitalpakt um eine halbe Milliarde aufgestockt. Ist das nichts?
Klar ist das gut. Nur war der Digitalpakt schon vor Corona ein äußerst zähes Geschäft. Die Antragsprozeduren sind angesichts der neuen Lage meines Erachtens überholt. Die Schulen haben einen Crashkurs in digitaler Weiterbildung gemacht. Die wissen inzwischen genau, was sie brauchen: Lernmanagementsysteme, Schulclouds, Videoteaching – und vor allem unkomplizierte Fortbildungen. Das heißt, wir müssen den Aktionsradius der Schulen erhöhen. Die sollen ihre Bedürfnisse selbst interpretieren. Sonst haben wir die absurde Situation, dass inzwischen sechs Milliarden Euro bereit stehen – und die Schulen die Mittel nicht schnell abrufen können, obwohl sie wissen, was sie wollen.

Und was macht eigentlich die Fernuni Hagen – die älteste deutsche Anstalt fürs Lernen auf Distanz?
Wir wollen das Momentum nutzen und alle Lehrerinnen und Lehrer zu uns einladen, die Neues ausprobieren. Die sollen sich bei einem Kongress austauschen, online wie offline. Ich verstehe das nicht als Zwangsbeglückung von oben, sondern versuche, mit gut vernetzten Partnern aus der digitalen Lehrerszene etwas auf die Beine zu stellen. Mein Wunsch wäre, dass wir die digitalen Start-ups und die Wirtschaft dabeihaben, die der Schule von außen etwas geben können. Da freue ich mich drauf.