Update 21.6.2022: Das ging schneller als erwartet. Seit Montag haben NutzerInnen aus acht Bundesländern zugriff auf die Lernportale untereinander. Sie nutzen dafür die für sie jeweils selben Zugangsdaten. Ein Single-Sign-On identifiziert sie – und lässt sie herein. Künftig sollen so elf Millionen Lernende mit ihrem digitalen Schülerausweis auf alle pädagogischen Anwendungen und LMS zugreifen können, die sich dem ID-Management Vidis anschließen. Die digitale Kleinstaaterei steht damit vor ihrem Ende, die pädagogische Bundesrepublik wird real. Vidis gehören zunächst acht Länder an, darunter mit NRW und Bayern die bevölkerungsreichsten in Deutschland, aber auch Berlin, Bremen, Sachsen, Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland und Mecklenburg-Vorpommern. Michel Smidt erklärt das System:

Smidt baut für das Medieninstitut der Länder, FWU, ein „Single Sign On“ für alle SchülerInnen in Deutschland. Ein Gespräch, warum das gut ist - und auch schief gehen könnte. (Interview von Februar 2021, erschien im Tagesspiegel Background Digi&KI)

Herr Smidt, gerade wird wieder ein neues digitales Tool gestartet, der „Vermittlungsdienst für das digitale Identitätsmanagement an Schulen“, kurz Vidis. Sie entwickeln das. Wozu ist es gut?

Der Vorteil von Vidis liegt darin, dass wir zukünftig für alle Schüler:innen und Lehrkräfte in Deutschland eine einzige Anmeldemöglichkeit bieten möchten. Diese können damit auf ganz viele interessante digitale Bildungsangebote zugreifen – ohne ihre Identität preiszugeben. Das bedeutet, die Nutzer:innen können sich erstmals darauf verlassen, dass die Nutzung dieser Inhalte datenschutzrechtlich abgesichert ist.

Soll das etwa heißen, dass man auch Zoom, MS Teams, Office 365 und andere umstrittene Dienste via Vidis nutzen könnte – und zwar sicher?

Grundsätzlich ist es so, dass dieser Dienst allen Angeboten gegenüber offen ist. Wir vom FWU, dem Medieninstitut der Länder und unsere Auftraggeber, die 16 Länder, werden im Projektverlauf Regeln definieren, die dazu berechtigen teilzunehmen – oder eben nicht. Ob die genannten Angebote die Kriterien erfüllen, kann ich nicht vorwegnehmen.

Vidis vermittelt bundesweit. Das heißt, ich kann mich als Berliner Schüler zum Beispiel bei „Sofatutor“ in Berlin-Friedrichshain einloggen oder bei „Univention“ in Bremen oder beim „Klett-Verlag“ in Stuttgart, um mir Bildungsinhalte abzuholen. Wie funktioniert dieser digitale Schülerausweis?

In der Tat könnte der Vermittlungsdienst so weit reichen. Technisch ist es eigentlich nur eine Art intelligente Weiterleitung, eine operative Schaltstelle zwischen dem Identitätsmanagement der 16 Länder und externen Diensteanbietern.

Haben alle Bundesländer schon ein ID-Management?

Das ist unterschiedlich. Die meisten Länder planen damit. Der Vidis-Dienst wird aber eben auch offen für ID-Management-Systeme von Schulträgern und Schulen sein. Wenn man auf so ein digitales Bildungsangebot zugreifen möchte, dann wird man weitergeleitet in sein Bundesland oder direkt zu seinem eigenen Schulserver. Man meldet sich dort mit seinen üblichen Anmeldedaten am Landessystem oder einem vergleichbaren System an. Von dort wird man dann wieder an das Bildungsangebot zurückgeschickt – nur eben blitzschnell.

Unter welchem Namen meldet man sich an?

Mit seinen bereits vorhandenen Anmeldedaten. Auf dem Weg hin und her zwischen abgefragtem Dienst und Heimatserver findet die Pseudonymisierung statt. Das bedeutet, auf dem digitalen Schülerausweis stehen weder der Name und noch personenbezogene Angaben, sondern möglicherweise nur die Schulzugehörigkeit oder dass es sich um eine Lehrkraft oder um einen Schüler oder eine Schülerin handelt. Darüber hinaus werden keine weiteren Daten übermittelt.

Na ja, auch ein Pseudonym wird ja mit Daten verknüpft. Sofatutor weiß, dass die Person „08/15“ dieses oder jenes Video gesehen hat und wie sie sich bei der Bearbeitung der Aufgaben anstellt. So kompliziert dürfte es nicht sein, mich irgendwann mit diesem Profil zu verbinden.

Da haben Sie Recht. Nach gängiger Expertenmeinung ist es so, dass auch pseudonymisierte Daten personenbezogene Daten sind. Aus diesem Grund streben wir zusätzlich auch die Entwicklung eines Rechtsmodells hinter Vidis an. Das heißt, wir halten uns sehr streng an die DSGVO und entwickeln den Vermittlungsdienst eng mit den Landesdatenschützern der 16 Länder.

Es gibt Leute die sagen, dass die Schüler mittels Vidis zu Klickworkern für kommerzielle Dienste werden.

Wir versuchen mit Vidis zunächst einmal eine vielseitige Palette von Angeboten zugänglich zu machen. Wir werden keine pädagogischen Dienste diskriminieren und möchten es den Schulen überlassen, letztendlich unter pädagogischen und didaktischen Gesichtspunkten auszuwählen. Mit VIDIS definieren wir die technischen Standards, um interoperabel zu sein. Und, ja, selbstverständlich ist dieser Dienst offen für kommerzielle Angebote – wenn sie die Zugangsregeln einhalten.

Wenigstens endet mit Vidis und seinem „Single-Sign-On“ die digitale Kleinstaaterei in Deutschland.

Ich würde den Begriff nicht so wählen. Wir haben bei Vidis die große Chance, dass alle Länder mit im Boot sind. Sie haben ihren Willen bekundet, gemeinsame Standards für ihre virtuellen pädagogischen Räume zu schaffen. Wir sind davon überzeugt, dass wir hier einen Innovationsimpuls für digitale Bildung setzen können.