Lena: Innenminister schweigt sich aus der Verantwortung

Die Mutter des 11jährigen Mädchens, das der junge Emder David H. im März umgebracht hat, weinte bei der Urteilsverkündung. Auch die Eltern des verirrten Mannes, der zum Mörder wurde, waren im Gerichtssaal. Eine außergewöhnliche Geste in dem in jeder Hinsicht außerordentlichen Fall.

Bevor David H. das Mädchen Lena vom Entenfüttern in ein Emder Parkhaus führte, war er mehrfach wegen seiner pädosexuellen Neigungen aufgefallen – sich selbst und seiner Familie. Mutter, Stiefvater und auch der junge Mann gaben sich größte Mühe, das schlimmste zu verhindern. David H. war in der Psychatrie, er zeigte sich danach selbst an, der Stiefvater trug sogar die Festplatte mit den Kinderpornos aufs Revier. Und doch ging alles schief. Die Polizisten unternahmen praktisch nichts, um den Hilferuf des späteren Mörders wahrzunehmen: Keine erkennungsdienstliche Behandlung, keine Speichelprobe, der Durchsuchungsbefehl lag unterschrieben bereit – wurde aber nicht ausgeführt. Drei Monate später traf David H., der das Gefühl haben musste, „keiner interessiert sich für mich“, auf Lena.

Polizeidesaster

Dieses menschliche und Polizeidesaster hätte dennoch zu etwas wie einem Lerneffekt führen können. Denn es trat der ebenso schneidige wie emphatische Innenminister Uwe Schünemann (CDU) auf den Plan. Schünemann ist ein Macher, er hat mit einem Bündnis White IT gezeigt, dass er ungewöhnliche Wege zu gehen bereit ist: „Zur Bekämpfung von Kindesmissbrauch“, sagte der Minister, „müssen wir alle an einem Strang ziehen.“

Robuste Abwehr

Im Fall Lena ist das dann aber doch nicht geschehen. Uwe Schünemann sortierte zu Beginn sehr präzise die Handlungs-Stränge: Mitleid mit den Betroffenen äußern, individuelle Fehler der Polizisten kritisieren und strukturelle Fragen im Umgang mit sexueller Gewalt in Sicherheitsbehörden identifizieren. Das war vor sieben Monaten.

Wer heute mit Schünemanns Stab spricht, kann nichts mehr von alledem entdecken. Seine Pressestelle weist Anfragen zum Thema äußerst robust zurück. Die schnelle und umfassende Aufklärungsarbeit ist nicht mehr als Dienst nach Vorschrift: Die Polizeidirektion Osnabrück geht disziplinarisch gegen acht Beamte in Aurich und Emden vor. Wird es auch einen Strukturbericht über den Umgang mit sexueller Gewalt geben. „Das ist nicht nötig“, bescheidet eine Sprecherin Schünemanns.

Die Öffentlichkeit hätte gerne gewusst, wieso polizeiliche Abläufe derart unprofessionell gestaltet sind, dass ein junger Mann zum Mörder werden kann. Die Menschen in Emden hatten vor Wut beinahe die Wache gestürmt.

Doch darüber wissen wir nichts am Tag eins nach der Verurteilung, denn der sonst so sensible und professionelle Minister Schünemann schweigt sich aus der Verantwortung. Er versucht es jedenfalls. Das ist das einzig normale an diesem Fall.

Bei einer Missbrauchskonferenz in Darmstadt war dieser Tage das Resumee: Es gebe im gesellschaftlichen Umgang mit sexueller Gewalt „eine tiefe Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit“.

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