Allein mit Innerlichkeit und viel Beziehung zum Kind lässt sich das Bildungswesen nicht verändern. Mütter und Erzieherinnen, informiert Euch!

Das ist mein Resumee des Abends mit Jesper Juul im Berliner Kino Babylon, vor rund 400 Leuten. Juul stellte dort im Gespräch mit pisaversteher sein neuens Buch vor, „Wem gehören unsere Kinder?“

Ich fand den Abend ziemlich interessant. Es ist faszinierend zu sehen, wie Hunderte Leute in ein Kino in Mitte pilgern, weil sie sich Antworten auf ihre vielen vielen unsicheren Fragen erwarten. Juul ist ein echter Popstar, aber eben auch ein eigenwilliger Kerl.

Der erste große Konsens des Abends lautete: Es ist was faul im Schulstaate Deutschland. Und, wir wollen unsere Kinder da nicht mehr hinschicken. Eigentlich.

Es haut einen schon um, wenn folgendes geschieht: Jemand (Juul) sagt, „wenn sie wollen, dass ihr Kind die Freude am Lernen verliert – schicken sie es einfach in die Schule!“ Und dann beginnen Hunderte Leute zu toben und zu applaudieren. (Ich nenne das ab sofort „juulen“) Wow!

Dennoch muss man ja schon auch fragen dürfen: Denkt Ihr eigentlich mal nen Moment dran, dass Schule nicht nur eine Zwangsanstalt ist, sondern eben auch ein wichtiger Ort der Wissensvermittlung und der Infrastruktur? Ich bin sehr schulkritisch eingestellt. (Denn ich sehe Schule/verwaltung vor ihrem Kollaps und diagnostiziere eine tiefe seelische Krise von Schule*) Nur ist es kitschig, wenn man sich einen Abend lang derart in Rage redet, dass alle hinaus rennen wollen, um die Schulen abzureißen. What´s next? Wo ist die gangbare Alternative? Brauchen wir etwa keinen Absolventen, Abschlüsse und Abiturienten mehr?

Also, der Abend mit Juul und seinen Groupies war auch kitschig. Sehr sogar.

Da stellt sich jemand (eine Erzieherin, Heilpädagogin oder so) ans Mikro und sagt: „Ich erkenne mich und meine Bedürfnisse erst jetzt, kurz vor der Pensionierung.“ Oder eine Frau auf dem Fish-Bowl-Podium: „Ich habe mit 32 Jahren Schreibmaschine gelernt, jetzt bin ich 40 – und gespannt, was noch so kommt.“

Sorry, Leute, man kann Schule vielleicht nicht mehr so machen wie die KMK, die Schulminister und die Bundesländer es mit ihrer Kulturhoheit tun. Aber allein mit Beziehung und Schreibmaschine ab 40 kann man es eben auch nicht.

Ich würde gerne zu drei Themen des Abends was sagen, zu Qualität, Schulpflicht und Jungen/Mütter. Das waren für mich die Schlüsselthemen gestern abend.

Vier Säulen und ein großes Loch

@Qualität: Es ist sehr erschütternd, und ich erlebe das ja nicht zum ersten Mal in – im weiteren Sinne – reformpädagogischen Zusammenrottungenhängen, wenn niemand definieren kann, was Professionalität in Kita und Schule eigentlich heißt. Welche operationalisierbaren handwerklichen Fähigkeiten muss jemand haben, um eine gute Erzieherin, ein guter Lehrer zu sein? (Oder eben Erzieher und Lehrerin.)

Juul sprach von seinen vier Säulen: Dialog mit dem Kind, mit der Gruppe, mit den Eltern und „Was heißt Führung?“ Aber der große Rest der Versammlung hatte an dieser Stelle nur ein tiefes schwarzes Loch zu bieten. Und ein einziges Stichwort: Beziehung. Eine Frau, die den Abend ein Stück weit rockte, sagt ernsthaft auf die Frage, was Erzieherinnen können müssen: Das sei nicht so wichtig, denn unter Erzieherinnen seien ja ganz schön viele Mütter – und die wüssten schon, was sie tun. Darauf solle man vertrauen.

Nee, darauf kann man eben nicht vertrauen, ich jedenfalls nicht.

Einschub vom 22.11.12: Denn das ist das Kernproblem der deutschen Kita: Die Erzieherinnen, die dort arbeiten, haben weder einen Begriff von Bildung noch von Professionalität. Sie antworten, wenn man sie danach fragt, gar nicht. Oder mit einem Wort: Beziehung. (Und: Innerlichkeit)

Ich habe mich lange gefragt, warum bei beiden Fragen am Abend mit Juul, also die nach Bildung und Qualität in der Kita, immer dieselbe Richtung eingeschlagen wurde. Die Antworten gingen so: Bildung war für die Erzieherinnen (dieses Abends) nicht Lernen, nicht Fächer (Gegenstände), nicht Forschen oder neugierig sein (wie etwa bei Fröbel, auch Montessori etc), nein, die Antwort war geradezu aggressiv kämpferisch GEGEN all‘ diese Selbstverständlichkeiten gerichtet. Marke: Ohne Beziehung ist alles Lernen nichts!

Keine Frage, Beziehung ist wichtig (erstens) und wird (zweitens) in der traditionellen Stoffschule vernachlässigt, ja, sie spielt dort praktisch keine Rolle. Aber der Rückzug allein auf Beziehung ist falsch, er führt in sehr gefährliche Sackgassen – wie etwa die Krise der Odenwaldschule zeigt, wo ein rein beziehungsorientierter Lernbegriff, der sich explizit gegen Lernen an und von Gegenständen und Disziplinen (die schönen Künste etc.) richtete, in die päderastische Katastrophe führte. Dort heißt Beziehung pädagogischer Eros oder gleich Knabenliebe.

(Wer an einem Schema interessiert ist, sieh hier:

Schule der Nähe, Schule der Distanz

Schule und Lernen hat nämlich noch einen anderen Gegenstand als Selbsterfahrung – es gibt auch Stoffe, Themen, Aufgaben, die übrigens viel Spaß bzw. Freude machen können. Es gibt die Auffassung, wie Salman Ansari gern witzelt: „Man muss sein Kind nur lieben, dann lernt es was.“ Lieben und Beziehung sind toll – aber es ist keine hinreichende Voraussetzung für gelingende Lernprozesse.

It´s der Alte Fritz, stupid!

@Schulpflicht: Mehrfach wurde an dem Abend die böse böse Schulpflicht zitiert, die wahlweise von Bismarck oder von Hitler eingeführt worden sei, und wie wir alle unter ihr leiden würden. Ja, die Schulpflicht in D ist ein kompliziertes Ding und sie ist Ursache vielen Übels. Der Staat brachte sie einst aus, damit die Kinder „bissgen lesen und schreiben lernen“ (Friedrich II., Siehe pisaversteher.de über Schule und Generallandschulreglement), das war ziemlich wichtig. Damals, zur Demokratisierung des Lernens, um das Schulwesen der Kirche zu entreißen etc.

Heute wendet der Staat die Schulpflicht sehr wahllos an: Wenn es darum geht, etwa einem autistischen Kind den Schulbesuch zu ermöglichen, kapituliert Schule gern mal und sagt: Ne, zuhause bleiben, Du bist zu kompliziert! Wenn Eltern zu lange im Urlaub bleiben oder zu früh dahin aufbrechen wollen, dann legt der Staat sie auch mal in Ketten, in Bayern z.B., da nimmt der Staat die Schulpflicht also plötzlich sehr sehr ernst.

Kurz: Die Schulpflicht ist eine Krücke, auf der wir alle zum Lernen humpeln. Aber, Hand aufs Herz, könnte, wollte, sollte man sie von heute auf morgen abschaffen? Ich weiss nicht. Ich kenne ein paar Gebiete in Deutschland, da würde die Aufhebung der Schulpflicht Kinder ihren nicht sehr leckeren Elternhäusern vollends aussetzen.

Wenn jemand lieber intrinsisches Lernen befördern will, dann soll er Schulen ermöglichen helfen, die Freude am Lernen vermitteln, gute Schulen z.B. (Guckt mal viele Beispiele hier an bei meinem Nebenblog dieguteschule.com oder lest mein Buch Die Gute Schule.) Gute Schule zu machen ist aller Mühen wert. Und danach denken wir dann auch mal darüber nach, eine Schul- durch eine Unterrichtspflicht zu ersetzen, die nicht zwingend die Schule zu erbringen hat. Schrittweise, vorsichtig. Und passen schön auf, dass daraus nicht talibanische Madrassen, evangelikale Hinterhofschulen oder sektenartige Homeschoolings entstehen. Hier in D, mitten unter uns.

Aber bitte, redet keinen Quatsch, dass in der Schulpflicht allein Hitlerismus oder Bismarcksches Unheil stecken würde, welchen wir sofort ablegen müssten.

Böse problematische Jungen

@Jungen/Mütter: Ich fand Juul übrigens am stärksten, als er erläuterte, warum er Jungen in der Krippe und der Kita benachteiligt sieht. Das ist ja in D ein heikles Thema, was man sich kaum anzusprechen wagt, weil sofort Feministinnen aufspringen und vom Macho-Rollback salbadern. Juul zeigte, dass das Verhalten von Jungen in Krippen und Kitas von Erzieherinnen als problematisch eingestuft wird, obwohl sie sich doch nur wie Jungen benehmen: auch mal aggressiv sind, herumtollen und sich nicht „an netten kleinen Mädchen orientieren.“ (Siehe Zitat von Juul unten aus seinem Buch.)

Juul hat sehr genau erläutern können, woran das liegt: Weil Erzieherinnen (und Mütter) Aggression nicht als Hilferuf eines Kindes decodieren, sondern es moralisieren. Oder es, noch schlimmer, als Vorstufe zu Gewalt und Krieg verdammen. Juul forderte einen professionellen Umgang mit Aggressionen von Jungen in Kita und Krippe (und Schule). Er sagte wörtlich, was es auch bedeutet, wenn Jungen ihre Unzufriedenheit ausagieren:

„Komm mal zu Besuch in meine Wirklichkeit. Ich schaff das nicht alleine. Mir geht es nicht gut!“

Das würden Erzieherinnen aber oft nicht können, meint Juul. Stattdessen werden die aggressiven oder auto-aggressiven Hilferufe der Jungen moralisiert, herunterreguliert und notfalls auch bestraft: im schlimmsten Fall durch Ausschluss des Jungen.

Dieses Thema kam bei den gefühlten 12.000 Erzieherinnen im Babylon nicht so gut an. Da gab es ein Raunen, und in der Pause wurde auf mich eingeredet, die Erzieherinnen fühlten sich in ihrer Berufsehre herabgesetzt und missachtet. Das gehe so nicht. Juul sagte dazu: „Ich sehe gar nicht ein, wieso Lehrer und Erzieher der einzige Berufsstand sein sollten, die man nicht professionell kritisieren darf!“

Und er disste ja die Erzieherinnen gar nicht, sondern er zeigte etwas aus dem Instrumentenkasten:

– dass es mehr Platz in Krippen und Kitas braucht, weil allein der Platzmangel den größeren Bewegungsdrang von Jungs oft einschränkt
– dass er prinzipiell für ein Verhältnis von maximal 1:4 in der Kita ist, nicht mehr als vier Kinder pro ErzieherIn
– dass es darum geht, Jungen nicht prinzipiell nicht mit „aggressiv“ zu assozieren
– dass nicht jede Verhaltensweise von Jungen als aggressiv eingestuft werden muss

Juuls Bemerkungen an dieser Stelle sind übrigens alles andere als randständig. Das Verhalten von Erzieherinnen gegen Jungen weist auf das Grundparadigma hin, um das es Juul geht: die Definitionsmacht von Erwachsenen gegenüber Kindern. Mit anderen Worten: Juul kann sehr genau definieren, was zu Qualität und Professionalität einer Kita gehört. Viele Professionelle aus der frühkindlichen Bildung können es nicht.

wichtigste Passage bei Juul: Definitonsmacht von Frauen über Jungen in der Kita

Ich würde daher zu einer Schul- bzw. Informationspflicht für Mütter und Erzieher(innen) raten.

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Anhänge

* Ich sehe Schule in einer tiefen seelischen Krise; sie resultiert aus dem Gegenüber einer seelenlosen kalten Schule der Wissensvermittlung und Sortierung von Kindern – und den Orientierungs- und Anerkennungs-Bedürfnissen von Kindern und Jugendlichen.

(Siehe dazu u.a. diese Prezi-Präsentation; bitte automatische durchlaufen lassen oder sich selber durchklicken ;-))

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