Deutschland ist auf dem Weg, alle seine Bildungssektoren zu renovieren. Das zeigt das Institut der Wirtschaft im neuen „Bildungsmonitor“. Aber die Modernisierung ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Bis 2030 verschwinden 1,8 Millionen Ingenieure und Facharbeiter in den Ruhestand – und nehmen ihr KnowHow mit in die Rente

Bevor jüngst der Pisatest für Erwachsene heraus kam, stöhnten viele: Schon wieder ein Lernvergleich, was soll die Testeritis? Danach kam der innerdeutsche Schulvergleich der Kultusminister, heute feiert der „Bildungsmonitor“ der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft 10. Geburstag, und trotzdem jammert niemand mehr. Die Stimmung hat sich schnell gewandelt, denn die Berichte führen wichtige Entwicklungen vor Augen. Das Erwachsenen-Pisa brachte erstmals seit den 90er Jahren wieder Zahlen über die Menschen zwischen 16 und 64. Der Ländervergleich des IQB, den die ostdeutschen Bundesländer in den MINT-Fächern deutlich gewannen, illustrierte, dass Entwicklung möglich ist.

Verschrieener Bildungsmonitor

Selbst der gerne als neoliberale Propaganda verschrieene „Bildungsmonitor“, der heute vorgestellt wird und Pisaversteher vorliegt, ist ein wichtiges Dokument, da er auf mit mehr Daten und Feldern auf viel breiteren Füßen als Pisa steht. (Ich bin gespannt, was die so genannten Pisa-Kritiker nun wieder einwenden. An Pisa war ja das Problem in ihren Augen, dass es zu wenig Daten gebe.) Der Bildungsmonitor macht deutlich:

Deutschland hat seit dem ersten Pisatest alle bildungspolitischen Felder beackert – von der Kita bis zur Uni, und das zum Teil sehr erfolgreich. Die Bildungsarmut sinkt, die Studenten werden mehr und effizienter und das Land öffnet sich mehr und mehr für Bildungszuwanderer.

Die Studie des Instituts der Wirtschaft, bezahlt von den Metallarbeitgeberverbänden, führt eindrucksvolle Verbesserungen im Land des ewigen Pisaverlierers vor Augen. Die Zahl der Studenten ist geradezu explodiert, das ist keine echte Neuigkeit, aber in der Gesamtschau des Papiers sieht man: Und er bewegt sich doch, der Koloss Deutschland. Denn nicht nur die Zahl der Studenten an den Unis hat sich vermehrt, die Zahl der Absolventen hat sich gar verdoppelt. Zwischen 2000 und 2001 haben die Hochschulen fast 700.000 Examinierte zusätzlich entlassen. „Der Pisaschock war in Wahrheit ein Pisaruck“, sagt Autor Axel Plünnecke. „Es hat sich seitdem viel getan in Deutschland, und zwar quer durch alle Bildungseinrichtungen.“ Bildschirmfoto 2013-10-22 um 08.33.17

Alle Bundesländer haben ihre Anteile an Jugendlichen ohne abgeschlossene Berufsausbildung zum Teil spektakulär abgesenkt, Schlusslicht Schleswig-Holstein etwa von 25 auf 18,4 Prozent und selbst Bayern von 14 auf 10,4 Prozent. Das hört sich prozentual nach nicht so viel an – hat aber große Auswirkungen. Allein in den großen drei Bundesländern NRW, Bayern und Baden-Württemberg sank die Zahl der jungen Ungelernten um 180.000. Das ist beachtlich. Das Bundesland Bremen, bei Pisa mit seinen 30 bis 40 Prozent Risikoschülern stets am Ende der Tabelle, hat sich im Bildungsmonitor weit nach vorne geschoben – wegen seiner guten Ausbildung. Bremen hat im Ländervergleich die relativ „höchste Zahl an verfügbaren beruflichen Ausbildungsplätzen.“

Junge Ungelernte, Tabelle Bildungsmonitor
Junge Ungelernte, Tabelle Bildungsmonitor

Auch bei der Anwerbung von Lernern aus dem Ausland, herrscht ein ganz neuer Ton. „Die Studierenden aus dem Ausland kommen, um zu bleiben. Rund jeder zweite Bildungsausländer“, schreiben die Autoren, „bleibt in Deutschland.“

„In Deutschland läuft gerade ein Wettrennen gegen den demografischen Verlust an Qualifizierten. Die Bildungspolitik ist gut am Start – aber es ist nicht sicher, ob wir das Rennen auch gewinnen“.

Dennoch sieht auch das IW, das im Bildungsmonitor am Dienstag wieder ein Dynamik-Ranking der Länder aufstellen wird, die Situation mit einem weinenden Auge: Der demografische Verlust vor allem an Facharbeitern und Ingenieuren ist dramatisch. Autor Plünnecke: „In Deutschland läuft gerade ein Wettrennen gegen den demografischen Verlust an Qualifizierten. Die Bildungspolitik ist gut am Start – aber es ist nicht sicher, ob wir das Rennen auch gewinnen“.

dramatischer MINT-Verlust
dramatischer MINT-Verlust

 

Deswegen haben die Forscher gleich an den Anfang ihrer Studie eine verstörende Grafik gesetzt. Bunte Linien verlaufen da ein kleines Stück parallel – dann bricht die hellblaue Linie nach unten aus. Es ist die Linie der Facharbeiter und Ingenieure aus dem MINT-Bereich, das sind die Absolventen von Mathematik, Informatik, Naturwissenschafen und Technik, und sie werden um 1,8 Millionen abnehmen bis 2030. Der Grund: Der Anteil der MINT-Kräfte unter den 40-44jährigen liegt bei 24 Prozent, bei den 30 bis 34jährigen nur noch bei 19 Prozent. Schlussfolgerung von Axel Plünnecke: „Das Land darf auf keinen Fall seine Bemühungen einstellen, um nach Potenzialen für Qualifizierung zu suchen. Der ‚Kampf um die Talente‘ gilt inzwischen für alle Gruppen.“ Dass Bildungszugänge und -erfolge sozial abhängig sind, moniert der Professor und Auto der Studie. „Es ist dringend nötig, die Aufstiegsmobilität zu erhöhen.“

DGB: Bildungsarmut ist das Problem

Ähnlich argumentierte der Deutsche Gewerkschaftsbund auf Nachfrage. „Die Bildungsarmut bleibt das zentrale Problem unseres Bildungswesens. Gelingt es nicht, die Zahl der jungen Menschen ohne Berufsabschluss und der Schulabbrecher drastisch zu senken, birgt das für unsere Gesellschaft sozialen und ökonomischen Sprengstoff“, sagte der Bildungsreferent Matthias Anbuhl beim Bundesvorstand des Gewerkschaftsbundes. 

Axel Plünnecke forderte, Konsequenzen aus der Situation zu ziehen: das Kooperationsverbot solle abgeschafft, um „so mehr Investitionen in die Bildungsinfrastruktur möglich zu machen.“ Der IW-Forscher empfahl, endlich praktische Konsequenzen aus der Studie zu zeihen: „Die Informationen über Schulqualität, die uns die vielen Vergleichsstudien zur Verfügung stellen, sollten wir nutzen: Was machen erfolgreiche Schulen anders? – Das ist die Leitfrage der nächsten Jahre.“

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