Lob der Quereinsteiger oder Schulnotstand? Live-Chat mit Studiendirektor Werner und Pisaversteher

Noch nie war es so leicht wie heute, in Deutschland das Abitur zu machen. Das ist eine gute und zugleich verstörende Botschaft – denn die Kultusminister haben weder für genug Lehrer noch für ausreichend Studienplätze gesorgt. Sie haben das deutsche Schulsystem gegen die Wand gefahren in eine gefährliche Lage manövriert. Diskutieren Sie am Mittwoch von 14 bis 16 Uhr auf welt.de mit dem Lehrer Rainer Werner und Christian Füller aka Pisaversteher über das Versagen der für den einzigen deutschen Rohstoff, nämlich Bildung, zuständigen Kultusminister. 

Rainer Werner hat am Sonntag in der Welt ein Loblied auf die Quereinsteiger gesungen. „Quereinsteiger bringen den fremden Blick von außen mit, der der Schule gut tun kann“, schreibt der Berliner Gymnasiallehrer – und ich kann ihm da nur zustimmen. Auch wenn mir nicht so viele witzige Beispiele dafür einfallen, wie viel natürliche Autorität die – wie Werner sie nennt – „Akademiker mit Erstberuf“ mitbringen.

Werner hat also in der Qualität recht – aber er übersieht die Quantität: es kommen nämlich nicht nur ein paar gut ausgewählte Ergänzungslehrer, die Schulen werden gerade mit Menschen geflutet, die ich als Amateure, Dilettanten oder Laien bezeichnen würde. Ein Dilettant hat Charme – aber bitte nicht 35 bis 65 Prozent Menschen ohne pädagogische Ausbildung in die Schule holen. Das ist zu viel! Das hält Schule nicht aus: Der Lehrerberuf, der sich nach Pisa und den furchtbaren Schmähungen durch den alten Bundeskanzler Schröder allmählich erholt hat, wird gerade wieder deprofessionalisiert.

Das ist die Schuld der Kultusminister. Die wussten ganz genau, dass sie jedes Jahr Zehntausende Lehrer einstellen müssen, um den großen Generationswechsel von 2015 hinzubekommen: Zwischen 2001 und 2015 verlor die deutsche Schule die Hälfte ihrer Lehrerschaft. Jeder, der Fußballmannschaften, Belegschaften, Teams ganz allgemein betreut hat, weiß: einen solchen brain drain hält keine Organisation aus. Es muss auf Jahre hinaus gut vorgesorgt werden, wenn man 400.000 LehrerInnen ersetzen muss. Das haben die Kultusminister nicht getan, und es ist eben nicht so, wie die FAZ gerade schreibt, dass man mit ein paar Verbeamtungen und Gehaltserhöhungen das System wieder auf die Beine bekommt. Es sind nicht genug qualifizierte LehrerInnen am Markt.

Haben Sie Fragen, Anmerkungen, Kritik? Dann im Live-Chat am Mittwoch ab 16 Uhr via Welt.de und diesen Link

Christian Füllers neuestes Buch erscheint am 1. Oktober und fragt „Muss mein Kind aufs Gymnasium?“ (Duden-Verlag). Es beschreibt den tiefgreifenden Wandel des Bildungssystems, der durch die beinahe unheimliche Abiturexpansion seit 2010 ausgelöst wird. Dass Schule und Hochschule so schlecht auf den Abi-Boom vorbereitet sind, liegt vor allem an der chaotischen Politik der Schulminister. Sie haben nach der Jahrtausendwende quasi über Nacht und ohne darüber zu beraten, das Gymnasium um ein Jahr amputiert. Auch die Entwertung des Lehrerberufs geht auf ihr Konto – weil die Minister über viele Jahre zu wenig Pädagogen eingestellt haben. Füller hat Bücher über schlechte, gute und private Schulen geschrieben. Er hat die Hintergründe des massenhaften sexuellen Missbrauch an der wichtigsten deutschen Reformschule, der Odenwaldschule Oberhambach, aufgedeckt. 

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