Zwei Ideen von Lernen und Schule stehen sich unvermittelt gegenüber. Wo ist das gemeinsame Forum kritischer Freunde? 

Im Gespräch mit Anna Papadopoulos von Edusiia ist mir klar geworden, wie kritisch die Situation des deutschen Schulsystems im Moment ist. Vor allem, wie schwierig sich die Lage seiner Insassen darstellt, wenn man über eine Reform von Schule nachdenkt. Das gilt gerade im Bezug auf die kritische Studie Bildungstrend und die Antwort auf sie. 

Dsyfunktionales Schulsystem

Auf der einen Seite sehen wir ein vermachtetes und überreguliertes System der Lehrplanschule, top-down regiert von einer kultusministerialen Bürokratie, die in meinen Augen kaum mehr Bezug zur Lebenswirklichkeit von SchülerInnen, Eltern und selbst LehrerInnen herstellen kann. Das System erweist sich als dysfunktional in vielerlei Hinsicht: Schule gelingt es zum Beispiel nicht mehr, ihren eigentlichen Zweck zu erfüllen – nämlich Kindern die Basiskompetenzen Lesen, Schreiben, Rechnen und digitale Grundbildung zu vermitteln. Die TeilgeberInnen dieses Systems, die Lehrkräfte, sind häufig frustriert – und es gibt vor allem viel zu wenige von ihnen. Der Lehrermangel treibt traditionelle Schule ad absurdum. Bestes Beispiel ist die Vier-Tage-Unterrichtswoche in Sachsen-Anhalt: trotz einer formell bestehenden Schulpflicht kürzt dieses Bundesland in einem Modellprojekt 20 Prozent der Unterrichtsversorgung. Das ist nach Corona und angesichts der im Bildungstrend identifizierten Lernrückstände genau das falsche Rezept. 

60 Prozent unzufriedene Lehrkräfte

Auf der anderen Seite sehen wir ein disparates Feld von AktivistInnen und EnthusiastInnen, die eines eint: eine große Unzufriedenheit mit der Art des Lernens innerhalb des Schulsystems, also dem kleinschrittigen, mit Vorschriften und Noten gespickten Abarbeiten von Lehrplänen, das wenig mit Partizipation oder gar Selbstbestimmung der Lernenden zu tun hat. Interessanterweise finden sich diese Unzufriedenen nicht nur außerhalb des Schulsystems, sondern sie stecken auch darin fest. Ein Teil der LehrerInnenschaft unterdrückt seine Haltung zum Lernen gewissermaßen und nimmt in einem Zustand innerer Emigration am Lernprozess teil. Die berühmte Schaarschmidt-Studie über den psychischen Zustand der Lehrenden deutet daraufhin, dass die Zahl der ungesund lebenden Lehrpersonen sehr hoch ist. Es lässt sich nicht sagen, dass die Unzufriedenen 60 Prozent (!) der LehrerInnen mit den Unzufriedenen am Lernprozess identisch wären. Trotzdem ist die Rate der Leidenden im Vergleich zu anderen Berufsgruppen sehr hoch. 

Charakterisierung des Zustands der Lehrpersonen: G ist gesund lebende Lehrer, S sind sich schonende Lehrkräfte, B sind Burnout-Gefährdete, A sind angestrengte LehrerInnen

Sieht man sich nun an, wie die Reformvorschläge der Wissenschaftlichen Kommission der Kultusminister lauten, so kann man konstatieren: die LehrerInnenschaft kommt unter Druck und gerade jener Teil ist möglicherweise davon betroffen, der ohnehin unzufrieden mit dem Lernsystem ist. Freilich schafft dieser Druck nicht etwa Abhilfe oder Entlastung, sondern verstärkt jene Anforderungen an die Lehrenden, unter denen sie bereits jetzt leiden: sie sollen einen fremdbestimmten Lehr-Lern-Prozess forcieren. Damit ist nicht gesagt, dass die Forderung der Kommission falsch ist, SchülerInnen anhand der in Lernstandserhebungen gefundenen Diagnosen möglichst zielgenau beim Lesen, Schreiben und Rechnen zu fördern. 

Druck auf eine wunde Stelle

Es geht mir um zweierlei: Erstens wird das Anforderungsprofil auf Lehrende ausgerechnet an einer wunden Stelle geschärft. Zweitens sehe ich keinen diskursiven Ort für LehrerInnen, sich dieser Situation bewusst zu werden oder sie gar zu erörtern und rational aufzulösen. Es existiert kein Forum, wo man in konstruktiver Atmosphäre eine Krise und seine Haltung dazu verstehen kann. 

Was hat das mit der oben beschriebenen grundsätzlichen Zweiteilung zu tun? Es kommt erneut nicht zu einer Vermittlung zwischen den Blöcken, sondern die Frontstellung wird eher verschärft, weil nun der – in meinen Augen – unzufriedene Teil der PädagogInnen mit mehr bitterer Medizin verarztet wird. 

Schulreform wird damit nicht etwa erleichtert, sondern zu einer Zwickmühle, einer Falle für jene, die für den Wandel am wichtigsten sind: die Lehrenden. 

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