Das Internet ist zwar mobil, aber es geht nicht mehr weg. Okay. Nur, was macht es mit uns?

Über das Hosentascheninternet mit Kathrin Passig, Philippe Wampfler und Wibke Becker

Via Twitter habe ich heute einen Text von der eloquenten Kathrin Passig bekommen, ihn gelesen, für eloquent befunden – und mich gewundert, als ich auf die Datumszeile schaute: 22.8.14.

Kann es wirklich wahr sein, dass wir im Jahr 2014 immer noch darüber sprechen, ob das Internet wieder weg geht? Natürlich meint Passig das nicht, sie greift es nur auf, um sich ein bisschen lustig darüber zu machen. Anders als andere macht sie das auch nicht zu doll, sondern versucht wirklich Schlüsse daraus zu ziehen. Sie hektografiert eine Reihe von Technikskeptizismen – aus einem Text von 2009, der 2013 gedruckt wurde -, um sie mit Technikhymnen zu vergleichen und daraus so etwas wie Gesetzmäßigkeiten zu destillieren. Passig empfiehlt: Händewaschen, keine Meinungen über neue Technologien zu äußern, schon gar nicht schriftlich, und Laubhaufen bilden. Händewaschen steht für: den alten Schmuddel abwaschen – und was Neues anfassen; keine Meinungen versteht sich von selbst; Laubhaufen bedeutet, Bedingungen schaffen, dass sich Igel einnisten, dass sich also etwas Neues etablieren kann, was schwer zu kriegen ist und aber nützlich sein kann.

Das ist gut beobachtet, interessant etc. Was ich daran bloß nicht verstehe, ist zweierlei:

Erstens, wieso geht Passig nicht über den ersten Schritt hinaus, dass es grässliche Technikpessimisten, -lethargen, -ablehner, -faulpelze, -schlechtredner usw. usf. gibt. Sicher, das kann ein interessante Fingerübung sein, um die Trennlinie zwischen dem Alten und dem Neuen sichtbar zu machen.

Aber möchte man nicht, zweitens, positiv definiert sehen, wie das Neue die Gesellschaft verändern wird? Es spricht einiges dafür, dass das Hosentascheninternet, wie ich es nennen würde, oder das mobile Internet, wie Passig es nennt, einiges verändern wird, vieles, beinahe alles, wenn wir es genau nehmen.

Zäsur Hosentaschinternet

Das Aufkommen und Verbreiten des Hosentascheninternets, das mit dem iPhone ein Massenphänomen wurde, verändert Gesellschaft. Das iPhone steht dafür als wichtiger Meilenstein, auch wenn er inzwischen längst ergänzt und multipliziert, nein potenziert wird durch größere/kleinere Bildschirme, stärkere und kleinere Prozessoren, billigere Flatrates, eine Explosion von Applikationen usw. usf. Wie es scheint stehen wir also an der Bruchkante einer tektonischen Plattenverschiebung: Wird nach der Musikindustrie, dem Brockhaus und dem Telefon auch die Zeitung, das Klassenzimmer, das Schreiben revolutioniert oder gar abgeschafft? Weiß heute keiner ganz genau, aber es gibt auch hier ein paar untrügliche Indizien dafür, dass sich einiges, vieles, fast alles ändern wird. Nicht mal jene, die für sich beanspruchen, am aktuellsten, hintergründigsten und analytischsten am Puls der Zeit zu sein, können sich dem erwehren. Ich meine 225 „Spiegel“-Redakteure, die immer schon über die Veränderung der Medien räsonniert haben. Aber jetzt, da die Veränderung in ihre Stellenbeschreibungen hineingekündigt wird, schreien sie „Halt, Stopp!“. Der Chefredakteur muss weg! Der macht das Neue ja wirklich!

Aber an der Bruchkante zu stehen sollte nicht nur Anlass für Lamento sein, denn es ist spannend. Man sieht an dieser oder jener Stelle Gesteinsformationen und Schichten des Alten und erkennt, in Umrissen, solche des Neuen. Einen besseren Platz, historisch gesehen, gibt es quasi nicht. Jeder kann hingucken, jeder kann sich in Ruhe darauf vorbereiten, ob er denn bei den Revolutionären sein will oder bei den Reaktionären mitkrakeelen möchte.

Passigs Kuckucksei: Nur Hitler, Terror und Sex

Wenn wir in den Text von Kathrin Passig noch einmal hineinschauen, sehen wir eine Formation an der Bruchkante. Es ist wahrscheinlich die intimste und schmerzvollste Stelle, es ist jene, wo sich mutmaßlich am meisten ändern wird, und das wird ein privates und gesellschaftliches Erdbeben mit sich bringen: Körper und Sex, privat und öffentlich. Das heißt, bei Passig sehen wir die spannende Bruchstelle nicht wirklich, sie scheint nur kurz auf, als sie die dümmsten Argumente gegen das Internet paradieren lässt: „Schon ab den frühen 1990er Jahren wurde regelmäßig darauf hingewiesen, dass insbesondere Terroristen, Nazis sowie Pornografie-Hersteller und -konsumenten sich des Internets bedienten.“

Bei den meisten Stellen Passigs musste ich schmunzeln, aber hier hat sie uns ein Kuckucksei ins Nest gelegt.

Denn das ist eine, wie Passig es ausdrückt, „Standardsituation der Technikkritik“, da hat sie schon recht. Anders formuliert: Die doofen Gegner des Netzes behaupten, das Internet bringe immer nur Sex, Hitler, Terror – und das für alle. Das stimmt nicht, denn das Netz bringt natürlich noch viel viel mehr. Aber es stimmt eben doch auch: das Netz bringt vor allem Terroristen, Nazis und Pornos. „Mein Kampf“ ist verboten – aber im Netz kriegt es sowieso jeder, oder? Ablauf des Urheberrechtsschutzes hin oder her. Und wer hätte den Kopf von James Foley gesehen – wenn nicht die sozialen Medien es ISIS möglich gemacht hätten, dieses mittelalterliche Grauen durch die Technologie des 21. Jahrhunderts überall hin zu verbreiten. Und zwar, ohne dass sich Redakteure Gedanken machen konnten, ob sie diese schmerzhaften, traumatisierenden Bilder dem Leser zumuten können.

Wibke Becker, Allein, FAS, 24.8.14
Wibke Becker, Allein, FAS, 24.8.14

Mit Porno ist es nicht anders. Heute lächeln 12-jährige Burschen nur müde über die Blümchen-Pornografie der Playboy-Bunnies, weil sie sich virtuell via Sexpages, Streams etc so viel Porno reinziehen, dass sie real gar nicht mehr können. So lautet jedenfalls das Ergebnis einer Studie über die Dysfunktion junger Männer, besser als Padua-Studie bekannt. Ihr Ergebnis:

„Der übermäßige Konsum von Sexfilmen und Pornos im Internet kann bei Männern Erektionsprobleme und sexuelle Störungen hervorrufen.“

Porno macht nicht geil, sondern impotent und schüchtern (und dumm auch noch, s. Anhang)
Ich will dieses Ergebnis nicht unzulässig verallgemeinern oder daraus irgendeine Art von Kulturpessimismus ableiten. Es soll nur als ein Merkmal herhalten, die für eine – nun ja – starke Veränderung sprechen. Und dabei geht es nicht nur um den Sex an sich, sondern die ganzen (eventuell) vorausgehenden Fragen wie Sprechen, Flirten, Lieben. Mein Lieblingsmedienpädagoge Philippe Wampfler hat ja, in einem seltenen Anfall von Internetskeptizismus, jüngst geschrieben:

„Junge Männer werden wegen Porno immer schüchterner. Sie wissen einerseits, dass sie dank Porno ihre Bedürfnisse virtuell sofort befriedigen können. Gerade deswegen verlieren sie andererseits die Fähigkeit zu sozialen Kontakten. … Will heissen: Sie vertragen es nicht mehr, abgewiesen zu werden und lassen sich gar nicht mehr [mit Mädchen] auf einen Dialog ein.”

Nachtrag: Wibke Becker sagt in ihrem Leitartikel "Allein" in der FAS vom 24.8.14 in zwei Sätzen mehr über das Hosentascheninternet als Passig mit gefühlten 5.000 Wörtern. In dem Text (der noch nicht online ist) geht es darum, dass fast jedes Kind (jeder Jugendliche) heute ein Smartphones hat, und obwohl sie damit permanent mit allen in Kontakt sind, macht es sie nicht sicher, sondern unsicher. (Siehe Foto unten)
Becker, FAS, 24.8.14
Becker, FAS, 24.8.14

Ich finde, es wichtig, nicht mit Kathrin Passig an der Bruchkante zu stehen und zu lamentieren, dass Leute das Netz blöd oder gut finden; sondern herauszufinden, wie die Veränderung aussehen, die es bringt. Wie das neue netzinduzierte Verhalten zu Nähe und Distanz, privat und öffentlich, Körper und Sex unser Leben, also uns verändert. Genauer: wie es das Aufwachsen und Leben von Kindern und Jugendlichen verändert. Denn in dem Wort „digital native“ steckt eine große Anmaßung. Sie suggeriert, dass es dort schon kundige und erfahrene Ureinwohner gebe. Das sollen angeblich die Kids der Post-Smartphone-Ära sein, die all die Chancen und Risiken des mobilen Internets gewissermaßen mit der Muttermilch aufgesogen hätten – und kennen würden.

Das ist der große Irrtum in der Debatte. Kein Kind wächst naturgegeben mit dem mobilen Internet auf; kein Kind kann die Bedeutung und Reichweite eines Selfies oder eines manipulierten Bildes einschätzen; kein Kind entscheidet von sich aus, Handschrift nicht zu lernen; kein Kind kann unterscheiden, wer hinter einem Avatar steckt, dem es im Netz begegnet. Es ist unser Job zu verstehen, dass das Netz so etwas wie digitalen Exhibitionismus mit sich bringt, wie Julia von Weiler es programmatisch formuliert hat. 

„Der digitale Exhibitionismus ist grenzenlos und unkontrollierbar. Neu ist die öffentliche Zurschaustellung, die Entblößung und Demütigung bis in den letzten Winkel des Planeten. „

Es ist unsere Aufgabe, den Kindern zu zeigen, wo sie sich am besten digital nicht exhibitionieren, weder ihre Bilder noch ihren Körper noch ihre Seele. Denn das können sie nicht durchschauen.

Dafür hilft der Text Passigs nicht. Sollte er aber, im Jahr 2014, wo eine Studie der Hochschule Merseburg ganz generell zu diesem Ergebnis kommt: Mit der Verbreitung des Internets hat die Zahl der sexuellen Übergriffe auf junge Menschen deutlich zugenommen. Von fast 1000 befragten Jugendlichen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen berichteten 45 Prozent der Mädchen und 14 Prozent der Jungen, sie seien im Internet sexuell belästigt worden. Insgesamt erlebten 59 Prozent der Mädchen und 23 Prozent der Jungen sexuelle Gewalt in irgendeiner Form. 1990 hatten erst 36 Prozent der Mädchen und 7 Prozent der Jungen in Ostdeutschland eine derartige Erfahrung gemacht.

anhang:

Pornogucker sind dümmer, weil bei ihnen eine bestimmte Hirnregion unterbelichtet bleibt…

sagt eine Studie von Charité und MPI Bildung ** und wird einem guten video von christoph krachten, clixoom, besprochen

** Kühn, S., & Gallinat, J. (2014). Brain structure and functional connectivity associated with pornography consumption: The brain on porn. JAMA Psychiatry, 71, 827-834. doi:10.1001/jamapsychiatry.2014.93

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