… bringt ungerechte Folgen für die aktuellen Schüler

updates, siehe unten:

Der Untergang der Odenwaldschule (Oso) wird allgemein begrüßt, bisweilen sogar bejubelt. Das reformpädagogische Internat, 1910 und, noch einmal, 1946 als Flaggschiff einer neuen demokratischen Erziehung entworfen, hat seinen Tod selbst herbei geführt: Als vor einem Jahr ruchbar wurde, dass es mitten in der halben Aufarbeitung der Missbrauchsfälle erneut ein Kinderpornograf an der Oso zum Lehrer gebracht hatte, war die Schule quasi schon beerdigt. Wer sollte sein Kind noch in eine Anstalt entsenden, die nach dem päderastischen Supergau von 1972-1985 erneut zuschaute, wie ein Lehrer auf dem Schulgelände mit einem Knaben im Zelt übernachtete? Es war ja zu erwarten gewesen, dass es früher oder später wieder ein Problem geben würde – das Kollegium hat sich nie glaubhaft und tiefgreifend mit den strukturellen Risikozonen der Reformpädagogik im allgemeinen und der Odenwaldschule im besonderen auseinandergesetzt; und das obwohl diese an der Oso Sexualverbrechern Tür und Tor geöffnet hatten.

Die Odenwaldlehrer haben bis heute nicht kapiert, was pädagogischer Eros eigentlich bedeutet, und wie tief dieser alt-griechische Tarnbegriff für Knabenvergewaltigung in ihre Pädagogik eingeschrieben ist. Nach allem, was man heute, zwei Tage nach dem Ausstellen des Totenscheins von den Lehrern lesen kann, glauben sie heute noch nicht, dass sie einen Fehler gemacht haben könnten.

Insofern ist es gut, dass die Odenwaldschule untergeht.

Dennoch, die Schließung der Odenwaldschule fordert auch neue Betroffenheiten. Zuallererst bei den aktuellen Schülerinnen und Schülern. Was können sie dafür, dass ein durch und durch unfähiges Kollegium die Augen verschloss? Noch 2014 wurde eine Schülerin, die einen Übergriff meldete, von Lehrkräften gemobbt. Ein Desaster. Den jetzigen Schülern wird, so pathetisch das klingt, auch eine Heimat genommen. Sie müssen den Kopf hinhalten für eine verfehlte Aufarbeitung von Trägerverein, Kollegium – und den Dauerbeschuss einer Presse, die seit 2010 nichts anderes tut, als Opferzahlen zu repetieren, die falsch sind. Ursachen? Interessieren kaum. „Wir wollen Höschen sehen und keine Hintergründe“, sagte mir einmal ein Ressortleiter.

Neue Betroffenheiten

Auch die Betroffenen selbst, die an der Schule sexualisierte Gewalt erleiden mussten, sie werden der Odenwaldschule nachtrauern. Sie sind es, die unter ihr gelitten haben. Aber sie hatten die ganze Zeit einen Bezugspunkt und Referenzobjekt, an das sie ihre Klagen richten konnten – und ihre Hoffnung auf Entschädigung. Das ist jetzt vorbei. Einen Adressaten für moralische und finanzielle Klagen gibt es ab Sommer 2015 nicht mehr. Und, nicht zuletzt, was passiert eigentlich mit der versprochenen offiziellen Aufklärung eines über 25 Jahre währenden pädokriminellen Systems, die eine Kommission im Jahr 2014 zu leisten begann? Man darf nicht vergessen: In den Publikationen von Bildungshistorikern und der Reformpädagogen wird der systematische Missbrauch von Hunderten von Schülern immer noch in nur homöopathischen Dosen in Fußnoten verabreicht. In den Haupttexten des Standardwerks „Handbuch der Reformpädagogik“ von 2013 ist die Odenwaldschule immer noch eine wirkmächtige und gelungene Reformanstalt, dort paradieren sogar noch Gerold Becker und der Päderast Gustav Wyneken als Schulreformer durch die reformpädogogischen Wolkenkuckucksheime.

update 1: Auf Twitter reagierte ein User mit dem Hinweis, die allermeisten ehemaligen Schüler seien für den Erhalt der Odenwaldschule:

Interessant daran ist, dass Betroffene und ehemalige Schüler stets durcheinandergeworfen werden, und zwar so, dass es gerade passt. Ein Teil der – Tausenden – ehemaligen Schüler der Odenwaldschule sind von sexueller Gewalt betroffen, nach einem Untersuchungsbericht sind es 125 Personen, die in Meldungen als Opfer von Übergriffen verschiedenster Art genannt werden.

Die eigentlich spannende Frage ist aber diese: Wieso gelingt es der Odenwaldschule aus ihrem breiten Fundus von Alumni, die oft auch sehr wohlhabend sind, keine nennenswerten Spenden zu akquirieren? Und das obwohl die allermeisten Ehemaligen die Oso tatsächlich als Himmel und nicht als Hölle in Erinnerung haben. Ich denke, es hat damit zu tun, dass nicht alle direkt erlebt haben, was an sexueller Gewalt geschah – aber fast alle Ex-Odenwaldschüler berichten von Grenzüberschreitungen, deren Zeugen sie geworden sind. Das hat eine Ahnung bei Ihnen hinterlassen, ein Ahnung, dass etwas Furchtbares geschehen ist.

 

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