Der Netzeuphoriker Martin Lindner verwahrt sich in einem flammenden "pro Netz"-Kommentar" bei den Netzpiloten gegen jegliche kritische Anmerkung zu Internet und digitalem Lernen. Er reagiert auf meinen Text bei Cicero und hier im Blog. Ich schreibe ihm zurück, er soll sich auch mal mit den Schattenseiten des Netzes befassen:

Lieber Martin,

ich finde es gut, dass Du Tim Berners-Lee und Howard Rheingold in den Zeugenstand rufst, um die gute Saskia Esken zu verteidigen. Wahrscheinlich kennen viele, die auf Twitter etc. herum-faven, die beiden grand old men des WWW gar nicht.

Jugendliche müssen von Chancen und Risiken des Netzes erfahren

In der Sache sind wir durchaus einer Meinung: Ich finde es wichtig, die Schulen auf den Stand des 21. Jahrhunderts zu bringen und dort mit Tablets, Blogs und Apps usw. zu arbeiten und zu lernen. Deswegen habe ich es gleich am Anfang des Textes geschrieben, damit internetverwöhnte Schnell-Leser wie Du gleich finden, worum es geht. Ja, ich will, dass Kinder und Jugendliche endlich als Schüler kritisch und unaufgeregt das Netz kennenlernen – und zwar die Chancen ebenso wie die Risiken. Ich finde, dass es da fantastische Möglichkeiten gibt. Nur muss man das wirklich so oft betonen? Das weiß heute doch jeder, Martin!

Ich finde hingegen, Du behandelst wie so viele (der Netzeuphoriker) die Schattenseite(n) des Netzes ein bisschen zu sorglos. Du solltest Dich da mal schlau machen und z.B. mit einer 12jährigen oder dich als 12jährige in einem Kinderchat einloggen (ist kein Problem, überprüft keiner!) – und gucken, wer dich dann so alles angroomt und anbaggert. Dann weisst du vielleicht, was ich meine. Ohne solche Erfahrungen, lieber Martin, übersieht man diese Seite des Netzes leicht. Kannste aber schnell nachholen, geht ganz einfach! Ist auch nur ein Beispiel. Gibt viele andere in Games, bei Habbo oder im KiK-Messenger. Mach dich mal kundig. Interessant!

Vertritt MdB Esken nur das Neuland?

Tatsächlich ging es mir in dem Text um die Einseitigkeit, mit der Saskia Esken in ihrem Tagesspiegel-Beitrag das Netz und seine Möglichkeiten hofiert. Das war mir einfach too much, Martin, verzeih mir! Dieses „Huch-alles-so-aufregend-und-entzückend“-Getue hat man auf Twitter schon genug – muss, finde ich, nicht auch noch in der Zeitung sein. Schon gar nicht von einer Abgeordneten des Bundestages. Die vertritt – dachte ich jedenfalls – das ganze Land und nicht bloß das Neuland. Oder ist das bei Abgeordneten, die im Ausschuss Digitale Agenda sitzen, anders? Wär´ ja spannend. Der Vergleich Eskens Sprache mit Orwell war ganz schön fett, das stimmt schon. Aber, erstens, war das definitiv zu viel Erlösung in Eskens Text. Und, zweitens, eine Gegenfrage: Sollte eine MdB, die einer 80 Prozent starken regierungstreuen Mehrheit angehört, Andersdenkende als ahnungslose Vollpfosten abstempeln? Findest Du das echt ok, ich meine so demokratie-theoretisch? Wer macht da eigentlich wen klein? Solltest Du nochmal drüber nachdenken, was Erlösersprech´ plus Zweidrittel-Mehrheit bedeuten kann.

Missglückte Probefahrt Unter den Linden

Ich will Dir auch das mit dem wackligen Stream bei Microsoft nochmal erklären. Ich weiß doch, dass so eine Skype-Verbindung eigentlich pillepalle ist. Kann jeder – dachte ich. War aber nicht so. Ausgerechnet in der Microsoft-Zentrale Unter den Linden, wo ein Google-Hangout nicht opportun ist, schmiert die Skype-Leitung mehrfach ab. Skype gehört zu Microsoft. Martin, stell´ Dir vor, Du gehst zu Bentley oder Mercedes Unter den Linden und willst probefahren – aber die edle Limousine springt nicht an. Blöd´, oder? Das meinte ich.

Viel Glück bei Deinem Buch und bis bald mal!

Christian

P.S. Schade fand´ ich übrigens, dass Du Deinen schönen Text „pro Netz“ und „gegen jede Netzkritik“ nur bei den Netzpiloten veröffentlicht hast. Ich dachte, Du wolltest mal raus aus deiner Ingroup, paar Leute mehr erreichen als Dejan in Freiburg und all´ die anderen gläubigen Claqueure. Ist ja gerade so, als würde man einen Pro-FDP-Text in ´ner FDP-Postille veröffentlichen 😦

P.S. 2: Es lohnt sich, die Community der digitalen Jubelperser genauer anzuschauen. Sie setzt sich um wesentlichen aus drei Gruppen zusammen: Zum einen Leuten, die schlicht ihr Geld damit machen, das digitale Lernen zu propagieren. Sie stehen im Sold großer Konzerne wie Microsoft, meistens schwächlich getarnt über irgendwelche Vereine, die sie gegründet haben, oder sie arbeiten als Berater fürs Digitale wie Martin Lindner oder, das ist das schlimmste: Sie sind so genannte Medienpädagogen. Die finden, Überraschung!, Medien einfach nur toll. Einer der besonders speziellen ist Beat Döbeli Honegger, glücklicherweise hat er sich bei mir gerade wieder in Erinnerung gerufen. Ich hatte ihn fast vergessen! Honegger ist so etwas wie der Leitwolf der digitalen Jubelperser, er ist das Kritikloseste, das im Netz denkbar ist. (bitte den Exkurs zu Honegger unten weiter lesen, der ist zu köstlich) 

Das also ist so „FDP-Magazin findet FDP toll“. Zum anderen sind es nicht selten Studierende der Bildungswissenschaft in ihren Mitte-30ern oder Lehrer, oft Sozialkundelehrer, die das Wort Gewaltenteilung oder checks and balances nicht buchstabieren können. Deswegen applaudieren sie sich auch gegenseitig wie in den Zitationskartellen der Wissenschaft, als gäbe es nicht feine Unterschiede in der Diskursbeteiligung. Und dann gibt es noch eine dritte Gruppe, Blüher würde sie Metöken nennen. Blinde Mitläufer, die ganz fest an die große bezaubernde ermächtigende Idee einer erlösenden digitalen Gesellschaft glauben. Es sind die Ideen des always creativ, collaborativ and individual, die ihnen der digital-industrielle Komplex vorgaukelt. Tatsächlich wirken sie wie eine fünfte Werbe-Kolonne eines scheiss-teuren Gewerbes – aber ohne auch nur einen einzigen Cent dafür zu bekommen; sie machen es einfach so. Manchmal sitzen sie sogar im Bundestag. Akklamation und Niederklatschen wie im Unterschichtsfernsehen am Nachmittag, der Fav als Dachlatte des digitalen Jubelpersers. Es sind Leute, die sich auf EduCamps ohne mit der Wimper zu zucken von Bertelsmann sponsern lassen – aber später ein rotes Köpfchen und ganz viel Bauschmerzen bekommen, wenn ein kleiner kritischer Verein für ein LernLab drei Workshops und 1.000 Euro beisteuert.

Mit keiner dieser Gruppen ist ein kritischer Diskurs über das Netz möglich, unter anderem, weil sie die Texte, die sie wie besinnungslos faven oder retweeten, meistens gar nicht gelesen haben. Martin Lindner, Du gehörst ja auch dazu. Du führst in deinem Text ernsthaft den @herrlarbig und @tastenspieler als Zeugen eines Unterrichts an, den ich mir mal ansehen sollte. Dabei habe ich mit Torsten und André, mit @UE_Trainer und Renee Scheppler im wesentlichen die didaktischen Elemente des LernLab besprochen und sie deshalb auch als Leitlehrer nach Berlin eingeladen.

Weiter mit Beat Döbeli:

PS. 3: Legende ist Honeggers „kritischer Bericht“ über Manfred Spitzer. Damals fand Honegger heraus, dass Kinder amerikanische Jungs gar nicht, wie Spitzer schrieb, 7 Stunden und 50 Minuten vor dem Bildschirm hängen, sondern nur: 7 Stunden 37 Minuten! Von solcher Schlagkraft und Tiefe sind Argumente von Medienpädagogen. Aber damit war Spitzer in der Szene erledigt! Weil empirisch unsauber gearbeitet! Das Netz jaulte vor Glück, dass Honegger Spitzer einen Rechenfehler von weniger als drei Prozent nachgewiesen hatte. Es war wirklich großartig. Ich schlage vor, Leute wie Honegger nicht mehr Medien-Pädagogen zu nennen, sondern digitale Staubsaugervetreter. Denn das ist im Kern ihre Rolle: Sie verkaufen das dolle Netz und alles alles, was dazu gehört, wie andere Leute Staubsauger an der Tür verkloppen. Nur dass sie nicht an der Tür klingeln, sondern, Ping, direkt bei ihnen auf dem Bildschirm auftauchen mit ihren tiefschürfenden Erkenntnissen.  

 

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